Erwägungen zu einigen Nebenaspekten der Modernisierung

Der Film zeigt schwitzende Proletarier, die nach der Arbeit duschen müssen. Er zeigt tanzende und singende Arbeiter, die mit Großfamilie, Kollegen und Nachbarn ein mitreißendes Hochzeitsfest feiern. Er zeigt wehrpflichtige Söhne der Arbeiterklasse, die in einen furchtbaren Krieg gezogen werden. Diese Kinogeschichte könnte 1917 spielen oder 1943 oder 1972. Es ist Michael Ciminos Vietnamstory „Die durch die Hölle gehen“ – ein Blick zurück in eine vergangene, versunkene, fast schon vergessene Welt.

Heute sind alle Bilder anders. Computerarbeit ist geruchsneutral, Familienfeste gelten als spießig, und unsere Kriege werden aus großer Höhe geführt. So sieht der Fortschritt aus, nicht nur im Kino. Wir lassen den giftigen Industrialismus, die stressige Massengesellschaft hinter uns und surfen – den Kapitalismus nehmen wir mit – hinüber in die saubere, individualisierte Informations- und Dienstleistungsgesellschaft: „Can I help you? You are welcome!“ Die große Erzählung des 21. Jahrhunderts beginnt.

Begonnen hat vor allem die Umwertung aller Werte. All die alten Sinngeber müssen als unmodern entlarvt und lächerlich gemacht werden: Nation und Staat, Religion und Familie, Klasse und Gewerkschaft, Weltanschauung und Partei. Was bleiben darf, sind freie einzelne Menschen, jung und stark, weltläufig und mobil, egoistisch und flexibel. Wir sollen lernen, dass der freien Wirtschaft der gleiche moralische Überbau im Wege steht wie der freien Liebe: weg damit! Wir sollen uns nicht binden wollen, sollen antiautoritär leben, antiinstitutionell denken, uns selbst genug sein. Indem wir glauben, Bindungslosigkeit sei die Voraussetzung für ein wahrhaft selbstbestimmtes Leben, machen wir uns radikaler als jede vorherige Generation abhängig von den Konjunkturen der Marktgesellschaft. Bequem ist das nicht unbedingt, denn Autonomie im automatisierten Dienstleistungszeitalter heißt immer öfter: Mach es Dir doch selbst!

Die Trendjournalisten, die interessierten Unternehmer, Politiker und Wissenschaftler greifen nicht zu hoch, wenn sie einen „Epochenwechsel“ bejubeln. Da ist es nur auf den ersten Blick erstaunlich, dass in neueren sozialwissenschaftlichen Diskussionen plötzlich alte Namen auftauchen. Ulrich Beck und Richard Sennett bemühen zur Deutung der Gegenwart nicht nur ihre eigenen transmodernen Erkenntnisse, sondern auch wieder Klassiker wie die deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies und Max Weber – wohl weil sie Orientierung zu geben suchten in sozialen Umbrüchen, die hundert Jahre zurückliegen. Denn je mehr Sicherheiten infrage gestellt sind, desto drängender wird die Frage: Was bleibt?

Gemeinschaft und Gesellschaft

„Vergemeinschaftung“, schreibt Weber in Anlehnung an Tönnies idealtypisches Begriffspaar „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“, „soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns (…) auf subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht.“ Das kann ebenso die Familie wie die Gemeinde sein, die erotische Beziehung, die „nationale“ Gemeinschaft, die kameradschaftlich zusammenhaltende Truppe.

Die reinsten Typen der Vergesellschaftung sind dagegen „a) der streng zweckrationale, frei praktizierte Tausch auf dem Markt: ein aktueller Kompromiß entgegengesetzt, aber komplementär Interessierter; b) der reine, frei praktizierte Zweckverein (…); c) der wertrational motivierte Gesinnungsverein.“ Aber: „Jede noch so zweckrationale und nüchtern geschaffene und abgezweckte soziale Beziehung (…) kann Gefühlswerte stiften, welche über den gewillkürten Zweck hinausgreifen.“

Das Menschenbedürfnis nach Gemeinschaft, nach Mitfühlen und Mitleiden, nach gemeinschaftlich erlebtem Schicksal, setzt der bindungslosen Flexibilität Grenzen. Gemeinschaft braucht Zeit und Zuverlässigkeit. Wer ständig den Ort oder die Identität wechseln muss, geht jeder Vergemeinschaftung verloren. Aber ohne Lebensgemeinschaften, die Kinder erziehen, ihren Nächsten lieben und zur Not Nachbars Blumen gießen, gibt es auch keine Vergesellschaftungen. „Gemeinschaft“ geht „Gesellschaft“ voraus und liegt ihr zugrunde.

Die SPD aber ist beides und könnte nicht anders existieren: Sie ist immer ein bisschen noch vormoderne Gemeinschaft mit persönlichen Freundschaften und Animositäten, ist Wärmestube und Heiratsmarkt, sie kommt nicht aus ohne Nähe, ohne gemeinsames Essen und Trinken, ohne gemeinsame Fahrten, Feiern und Gesang. Und sie ist eine moderne Partei mit Gremien, Fraktionsgeschäftsordnungen, Beschlussvorlagen und Internet-Archiv. Indem sie ihre „gesellschaftlichen“ Hauptzwecke verfolgt – Meinungsbildung und Programmentwicklung, Personalauswahl, Konfliktregulierung und Machtgewinnung –, bewahrt und organisiert sie die Gelegenheiten für jene andere Art „gemeinschaftlicher“ Verbundenheit, die als Nebenzweck nicht wegzurationalisieren wäre. So entsteht Stallgeruch – und Solidarität. Elektronisch mag es communities global kommunizierender Avatare geben, Gemeinschaft aber setzt körperliche Anwesenheit voraus.

In dem 1999 sehr erfolgreich gelaufenen Science-Fiction-Film „Matrix“ von Larry und Andy Wachowski ist das Bewusstsein der Menschen endlich vom Körper und von jedem anderen Menschen getrennt. Leben wird nur noch als Computerspiel in ihren Köpfen elektronisch simuliert. Tatsächlich bewegt sich gar nichts mehr. Und die Simulationsprogramme sind jederzeit änderbar. Gegeben wird das Spiel einer Vergangenheit, die angesichts dieser Zukunft eine glückliche gewesen sein wird.

Out of Ortsverein

Bei meinen Terminen im Wahlkreis habe ich bald nach der Wahl eine seltsame Beobachtung gemacht. Die Zahl der Parteimitglieder, denen ich wöchentlich begegnete, nahm nun, da die Aufwallungen des Wahlkampfes vorbei waren, nicht etwa ab, sondern blieb konstant, nur waren es jetzt andere Mitglieder in anderen Funktionen.

Viele von den Betriebs- und Personalräten in den Unternehmen und Behörden, die ich besuchte, gingen im Gespräch schnell zum „Du“ über: „Wir sind ja im selben Verein.“ Manche Geschäftsführer und Behördenleiter outeten sich als langjährige Sozialdemokraten; Wissenschaftler, von denen ich es nie vermutet hätte, verwiesen mit wachsender Begeisterung auf ihre politisch wilde Zeit damals in der Juso-Hochschulgruppe oder im SHB. Ob Vorstände von Wohnungsbaugenossenschaften, Kirchen- und Sportvereinsfunktionäre, Pädagogen im Jugendtreff oder AWO-Pflegeheimleiterinnen – immer wieder war die gemeinsame Parteimitgliedschaft ein Anknüpfungspunkt.

Zu den „Aktiven“ in Ortsverein und Arbeitsgemeinschaften gehören diese Mitglieder meist nicht; sie engagieren sich ja schon neben Beruf und Familie mit besonderem Einsatz für ihre Mitmenschen. Für die Parteiarbeit im engeren Sinne bleibt da kaum Zeit, vielleicht auch kein Motiv mehr. Etwas „bewegen“, etwas „tun“ wollen, das geht auch und sehr gut in den tausend Institutionen unserer gesellschaftlichen, demokratischen Selbstorganisation. Und viele haben die Gliederungen und Gremien der Partei auch schon hinter sich, waren „aktiv“, aber eben nicht ewig, sondern bis ein anderes Engagement, berufliche Veränderung, Umzug oder Familienphase an die Stelle des Abenteuers, Beisitzer im Ortsvereinsvorstand zu sein, trat.

Aktuelle Parteifunktionäre pflegen immer sehr unglücklich darüber zu sein, dass nur zehn Prozent der eingetragenen Mitglieder zu den Versammlungen kommen. Die übrigen neunzig Prozent werden manchmal unfreundlich „Karteileichen“ genannt – als sei die Parteiversammlung der einzige Ort sozialdemokratischen Lebens. Tatsächlich findet die SPD überall dort statt, wo Sozialdemokraten sich politisch und gesellschaftlich engagieren und als Sozialdemokraten vorbildhaft wirken.

Wer im übrigen die Geschichte eines Ortsvereins mit dem Mitgliederregister vergleicht, wird erstaunt sein, wie viele von den Nicht-mehr-Kommenden in früheren Zeiten selbst Funktionäre waren. Sie sind älter oder alt geworden, haben anderes zu tun oder mögen nicht mehr – aber sie bleiben den Nach-ihnen-Kommenden verbunden, indem sie weiterhin mit ihnen eine sehr große, die größte sozialdemokratische Partei der Welt bilden.

Bindekraft

In den Verwirrungen dieser Zeit wird manchmal unterstellt, Menschen „wollten“ sich „nicht mehr“ auf Dauer „an eine Partei binden“, sie wollten dies vielleicht nur zeitweise oder in loserer Form. Besonders auf junge Menschen treffe das zu. Und wer in Umfragen entsprechend fragt, wird entsprechende Antworten bekommen.

Richtig daran ist, dass nicht jeder auf Dauer Mitglied einer Partei (oder einer Gewerkschaft oder eines Sportvereins) bleibt, ganz gleich was er zum Zeitpunkt seines Eintritts vielleicht wollte. 1921 hatte die SPD in Kiel 19.000 Mitglieder, 1930 waren es 12.000. Dass Mitgliedschaften nicht immer von Dauer sind, wäre also nicht ganz neu. Man „bindet“ sich auch nicht, sondern bildet mit anderen einen Verband, den man jederzeit wieder verlassen oder auch auflösen kann. Organisationsstatut, Satzung und bürgerliches Vereinsrecht widmen einen bedeutenden Teil ihrer Artikel und Paragraphen dieser Freiheit der Ent-Bindung. Wer eine Mitgliedschaft eingeht, muss und wird nicht im selben Moment deren Ende planen – aber er darf davon ausgehen, dass jede institutionelle Vorbereitung getroffen ist, die Mitgliedschaft zu beenden, wann immer es ihm beliebt. Das Abo im Fitnesscenter oder die Mitgliedschaft in der Krankenkasse zu kündigen, ist meist mit längeren Fristen und höheren Restkosten verbunden als der Austritt aus der SPD.

Das Gerede über die angebliche Bindungsphobie junger Menschen verweist mehr auf das Selbstbewusstsein der gegenwärtigen SPD als auf tatsächliche sozialpsychologische Wandlungen der Jugend. Junge Leute wollen sich gern begeistert auf eine gute Sache ganz und gar einlassen, nicht als spröde Nutzenmaximierer, sondern aus Überzeugung (die sich später ändern kann) und mit einer sozialmoralischen Rigorosität, die niemals wieder so stark sein wird wie in jungen Jahren. Darauf ist die allzu coole, nüchterne und manchmal schüchterne SPD nicht überall gut eingestellt.

Experimente, Netzwerke

Mit der Organisation zu experimentieren, macht (auch) Spaß! Man darf die Experimente allerdings nicht schon mit den Ergebnissen eines Reformprozesses verwechseln. Manchmal ist am Ende alles besser genau wieder so wie am Anfang.

In den 80er Jahren haben wir bei den Kieler Jusos zum Beispiel einmal das Amt eines „Kreisvorsitzenden“ eingeführt. Nach einem Jahr wurde die Satzung zurückgeändert, es blieb beim absolut gleichberechtigten Kollektivvorstand, den es heute noch, wie schon in den 70er Jahren, gibt. Ein anderes Mal wurde per Satzungsänderung die Vorstandswahl durch ein Losverfahren ergänzt: Fünf Kollektivvorstandsmitglieder wurden wie üblich gewählt, fünf weitere aus der Gesamtmitgliederliste gelost. Von diesen fünf nahmen vier das Amt an, zwei blieben die gesamte Amtsperiode dabei. Das war uns aber zu wenig, wir änderten die Satzung zurück.

Eine neue, jedenfalls sprachliche, Mode verbindet sich jetzt mit dem Begriff „Netzwerk“. Was bisher „Arbeitsgemeinschaft“, „Gesprächskreis“, „Projektgruppe“, „Bündnis“, „Initiative“ oder „Forum“ hieß, hört heute auf die buchstabengetreue Übertragung des englischen Netzes, „network“, in „Netzwerk“. Dabei lassen sich durchaus neue Elemente einer „Netzwerk“-Organisation definieren. Aber deshalb ist längst nicht alles neu, was Netzwerk heißt.

Das Netzwerk Berlin zum Beispiel, 1999 als wohl erster sozialdemokratischer Träger eines solchen Namens gegründet, ist dadurch gekennzeichnet, jede äußere Struktur zu vermeiden. Der Form nach handelt es sich nur um einen e-mail-Verteiler, ohne Satzung, Geschäftsordnung, Mitgliedsbeitrag oder Vorstand – ein denkbar offener Zusammenhang. Daneben bilden die inzwischen 17 jüngeren Bundestagsabgeordneten im Netzwerk als egalitäre Minimalstruktur einen Koordinationskreis, der regelmäßig zusammenkommt. Der Plan des Parlaments gibt den Rhythmus vor, in dem die Aktivitäten der Gruppe stattfinden können. Waren es in Bonn zunächst etwa 20 bis 40 Netzwerker, die sich sitzungswöchentlich donnerstags abends trafen, so sind es in Berlin 60 bis 100, im Verteiler stehen 500 Adressen: viele ehemals Juso-Aktive, die jetzt an der einen oder anderen Stelle am politischen Prozess des sozialdemokratischen Regierungslagers mitwirken, Ministeriale, Nachwuchswissenschaftler, Studenten, aktuelle Jusos, Sympathisanten, Journalisten, Abgeordnete – nicht nur aus dem Koordinationskreis und nicht ausschließlich aus der SPD. Die Diskussionen, auch in der Zeitschrift Berliner Republik, schaffen etwas, was es unter den Nach-68er-Sozialdemokraten bislang kaum gab, ein Mindestmaß an politischer und sozialer Verbindlichkeit, ohne gleichzeitig eine neue Arena der Konkurrenz zu begründen. Hier folgt die Form dem Zweck.