Lehren aus dem A400M-Desaster
Gastbeitrag von Hans-Peter Bartels, MdB in der Financial Times Deutschland vom 11. Februar 2009
In
der Beschaffungspolitik der Bundeswehr deutet sich ein dreifacher
Paradigmenwechsel an: erstens das Ende des Dogmas Wir kaufen
deutsch/europäisch. Zweitens der Abschied von dem Anspruch, stets
erster Kunde neu eingeführter Waffensysteme zu sein. Und drittens die
Einsicht, dass sich die bisher verfolgte Strategie der
Superstandardisierung nicht realisieren lässt.
Innerhalb der
Bundeswehr wird der Konflikt um die Gültigkeit der alten Maßstäbe
derzeit bei zwei größeren Rüstungsprojekten ausgetragen. Die Marine
will nicht mehr länger auf die maritime Variante des verspäteten
europäischen Standardhubschraubers NH 90 warten und würde lieber ein
bereits verfügbares Modell des US-Herstellers Sikorsky kaufen. Das
Verteidigungsministerium ist noch anderer Meinung - aus
industriepolitischen Gründen und weil schon erhebliche Summen in die
Entwicklung der Marinevariante MH 90 bei den europäischen Herstellern
Eurocopter (EADS) und Agusta Westland geflossen sind. Jedoch hat der
zuständige Staatssekretär entschieden, den Wettbewerb wieder zu
eröffnen - Ausgang offen.
Ebenfalls umstritten, diesmal zwischen
Luftwaffe und Ministerium, ist die Anschaffung von Aufklärungsdrohnen.
Hier spricht sich die Amtsseite für ein israelisch-deutsches
Entwicklungsprojekt namens Heron-TP aus. Die Soldaten hätten dagegen
lieber schnell das schon seit einigen Jahren fliegende amerikanische
System Predator.
Der Kummer über das Primat deutsch-europäischer
Lösungen dringt langsam aus den geschlossenen militärischen Karrees an
die Öffentlichkeit. Von einer desaströsen Entwicklung spricht der
Luftwaffeninspekteur Klaus-Peter Stieglitz mit Blick auf den
Airbus-Großtransporter A400M. Er rechnet inzwischen mit vier Jahren
Verspätung, also einer Einführung nicht vor 2014. Gebraucht aber werden
diese oder ähnliche Flieger jetzt - für Afghanistan und für die
Verbindung zu allen anderen Einsatzgebieten. Einstweilen erledigen
gecharterte Antonows einer ukrainischen Firma und die
Kurzstrecken-Transall-Maschinen aus den 70er- Jahren den Job.
Fliegende Oldtimer
Ähnliche
Geschichten lassen sich vom Eurofighter, von den drei
Luftabwehrfregatten F124, vom Schützenpanzer Puma oder vom
CSAR-Rettungshubschrauber erzählen. Dass neue Plattformen schneller
einsatzbereit sind als geplant, kommt praktisch nicht mehr vor. Selbst
bei bereits eingeführten geschützten Fahrzeugen für das Heer aus rein
deutscher Produktion (Dingo) gibt es Lieferengpässe.
Noch
unkalkulierbarer sind neue Waffensysteme: So verzögert sich jetzt wohl
die Einführung des unbemannten Höhenaufklärers Euro Hawk, einer
deutschen Version des amerikanischen Global Hawk. Die vier Jahrzehnte
alte Breguet Atlantic muss so lange weiterfliegen. Auch das extrem
komplexe Flugabwehrraketensystem MEADS, ein
amerikanisch-deutsch-italienisches Entwicklungsprojekt, hinkt deutlich
hinter dem Zeitplan her und droht den Kostenrahmen zu sprengen.
Albtraum Militär-Airbus
Grandios
gescheitert ist schon heute die neue, angeblich moderne und
wirtschaftsnahe Beschaffungsstrategie des Commercial Approach: Wenn
Entwicklung und Beschaffung neuer Systeme nicht mehr getrennt
entschieden und finanziert werden, sondern von Anfang an mit einem
einzigen Vertrag zwischen Regierungen und Industrie alles festgelegt
ist, dann soll das bestellte Gerät schneller kommen und billiger zu
haben sein. Der Beleg dafür, dass diese Strategie die optimale ist,
sollte der A400M werden. Tatsächlich aber ist dieses
Acht-Nationen-Projekt zum Albtraum von Regierungen wie Industrie
geworden. Falls es, wie von Airbus erwogen, zum Abbruch des Programms
kommt, wäre es der teuerste Flop in der jüngeren Geschichte der
europäischen Luftfahrtindustrie. Und falls es weitergeht möglicherweise
auch.
Manche Ursachen für diese Probleme mögen militärtypisch
sein, aber gewiss nicht alle. Neu ist das omnipotente Auftreten
insbesondere der deutsch-europäischen Luftfahrtindustrie, die gern
verspricht, was der Kunde hören will. Neu ist die Multinationalität der
Programme von Anfang an, neu gelegentlich auch die Industriekooperation
in Konsortien gleichberechtigter Partner aus unterschiedlichen Ländern.
Nicht neu ist die Detailfreude der deutschen Teilstreitkräfte, die
enorm fantasievoll sind, wenn es darum geht, künftige Fähigkeiten zu
fordern und einmal gestellte Forderungen wieder zu verändern, egal wie
viele Nationen sich am Projekt beteiligen. Internationale
Standardisierung und nationale Sonderwünsche erheben die Quadratur des
Kreises zum Prinzip.
Die Erkenntnis, dass dieses nicht der
direkteste und günstigste Weg zu einer guten neuen Ausrüstung ist,
setzt sich in der Bundeswehr mehr und mehr durch. Gefragt sind
pragmatische Lösungen statt alter Dogmen. Die bisherigen Grundsätze,
deutsch zu kaufen, erster Anwender zu sein und Standard vor
Typenvielfalt zu setzen, sind deshalb nicht falsch. Aber sie werden
relativiert. Dies muss und wird sich auf die Beschaffungsplanung
auswirken.
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